Auch wenn die aktuelle Energiekrise eine gewisse Unruhe rund um die Energiewende gebracht hat, so bleibt doch der Grundtenor derselbe. Denn der Krieg in der Ukraine hat noch deutlicher gemacht, dass der Umstieg auf saubere, erneuerbare Energien unumgänglich ist. Seitdem stehen sowohl Energiesicherheit als auch Preisauftrieb im Energiesektor neben Umweltbelangen auf der Liste der Gründe, die für die Energiewende sprechen.
Immer mehr Regierungen, Unternehmen und Verbraucher denken darüber nach, welche und wie viel Energie sie verbrauchen und woher diese Energie in Zukunft kommen soll. Viele favorisieren Solarenergie: Die Stromerzeugung mit Photovoltaikanlagen ist im vergangenen Jahr gegenüber 2020 um rekordverdächtige 22 Prozent angestiegen.[1]
Vor allem für Privathaushalte gewinnt Sonnenenergie an Attraktivität, da immer mehr Menschen sich Sorgen über steigende Energiepreise und mögliche Stromausfälle in diesem Winter machen und zudem ihren ökologischen Fußabdruck verkleinern möchten. Dieser Trend ist auch für Investoren interessant – das prognostizierte Wachstum der Branche in den nächsten zehn Jahren ist enorm. Wegen der vielen relativ kleinen Unternehmen an diesem Markt kann es für Investoren allerdings schwierig sein, diejenigen zu identifizieren, die in der Zukunft Erfolg haben werden.
Solarenergie auf dem Vormarsch
Die Krise in diesem Jahr hat sehr deutlich gezeigt, dass die Energiesysteme einen Wandel dringend nötig haben. Neben dem wachsenden Bedarf an sauberer Energie sind die Preise durch die Decke gegangen und Wetterkapriolen haben die Zuverlässigkeit der traditionellen Energieversorgung auf die Probe gestellt.
Zudem haben viele Menschen ihr Leben umgestellt. Seit der Pandemie arbeiten immer mehr Menschen im Home-Office, und viele verwenden digitale Haushaltsgeräte, das Internet der Dinge. Dadurch wächst unsere Abhängigkeit von einer guten Netzanbindung und einer stabilen, beständigen Stromversorgung – die noch nie so groß war wie heute.
Wenn Privathaushalte ihre Energieversorgung selbst in die Hand nehmen möchten, ist Solarenergie meist die Option der Wahl. Solarstrom basiert auf Sonnenenergie und funktioniert insofern dezentral. Solange die Sonne scheint, lässt sich Strom erzeugen. Gleichzeitig sind die Haushalte weiterhin an das zentrale Netz angeschlossen, um Lücken zu schließen, wenn die Sonnenenergie nicht ausreicht. Zudem können Batterien überschüssige Energie speichern und so helfen, die in einer Solaranlage produzierte Energie optimal zu nutzen.
Es überrascht daher nicht, dass weltweit immer mehr Privathaushalte Solaranlagen einbauen. Jüngste Studien deuten darauf hin, dass die weltweit auf Dächern installierten Photovoltaikanlagen bis 2025 eine Leistung von fast 95 Gigawatt erreichen könnten – 2020 waren es noch 59 Gigawatt.[2]
Das deflationäre Potenzial der Solarenergie
In einer Welt steigender Lebenshaltungskosten kann Solarenergie eine wirtschaftliche Lösung für Hausbesitzer darstellen, die sich strukturell, aber auch in Hinsicht auf den Inflationsdruck von erneuerbaren und fossilen Energiequellen abhebt.
Fossile Brennstoffe sind Rohstoffe, gehören zu den endlichen Ressourcen und müssen kostenintensiv gefördert werden, um die Energieversorgung aufrechtzuerhalten. Da die Menschheit immer schneller immer mehr fossile Brennstoffen verbraucht, sind die leicht zugänglichen Lagerstätten – in Oberflächennähe und an Land – irgendwann erschöpft. Die Produzenten weichen auf alternative Vorkommen in weniger zugänglichen Gebieten aus: Heute wird etwa in der Tiefsee oder in Polarregionen gefördert oder auf alternative Techniken wie Fracking umgesattelt. Damit gehen höhere Kosten und geringere Erfolgsaussichten einher. Auch deswegen sind fossile Brennstoffe im Laufe der Zeit immer teurer geworden. Zwar lässt sich nicht vorhersagen, wie sich die Preise in diesem Bereich langfristig entwickeln werden. Aktuell sind sie aber neben Angebot und Nachfrage auch von geopolitischen Faktoren und den Interessen von Produzenten wie der OPEC bestimmt. Daher kann man mit guten Gründen davon ausgehen, dass die Preisspirale nicht stoppen wird.
Bei den erneuerbaren Energien ist die Preisentwicklung genau umgekehrt. Solarenergie nutzt die Sonne und damit eine kostenlose Energiequelle, um Strom herzustellen. Es braucht aber Technologie, um diese Energie nutzbar zu machen. Gemäß dem Mooreschen Gesetz ist Technologie im Allgemeinen deflationär, das heißt nicht nur, dass ihr Entwicklungstempo und ihre Leistungsfähigkeit im Zwei-Jahres-Rhythmus wachsen, sondern auch, dass ihr Preis sinkt. Auch wenn sich über die Gültigkeit des Mooreschen Gesetzes streiten lässt, trifft es im Bereich der Solartechnik zweifellos zu. Dank jüngster Fortschritte in der Photovoltaik können Solarmodule heute mehr Sonnenlicht in Strom umwandeln – die Leistung eines Standardmoduls ist von 250 auf 400 Watt gestiegen.[3] Die Internationale Energieagentur hat kürzlich bestätigt, dass Solaranlagen heute den billigsten Strom aller Zeiten liefern.[4] Laut Europäischer Kommission ist der Preis für Photovoltaikpaneele zwischen 2009 und 2019 wegen wachsender Nachfrage um 75 Prozent gesunken.[5] Solarenergie scheint in der Tat deflationäre Merkmale zu haben.
Dennoch kann sich die Solarbranche der traditionellen Angebots-/Nachfragedynamik nicht entziehen. Viele Verbraucher, die Solarenergie nutzen möchten, werden sich möglicherweise kurzfristig gedulden müssen, da die Branche von Lieferkettenengpässen betroffen ist. Zwar sind die meisten Probleme noch pandemiebedingt, aber neben Werksschließungen und Transportengpässen haben auch Handelsstreitigkeiten das Angebot beeinträchtigt – vor allem zwischen China und den USA.
Die US-Politik fördert das Wachstum
Die USA sind derzeit führend, wenn es um Solaranlagen in Privathaushalten geht.[6] Im zweiten Quartal 2022 verzeichnete der Bereich mit einem Zuwachs von 37 Prozent im Vergleich zum Vorjahr den fünften Quartalsrekord in Folge.[7] Trotz dieses starken Wachstums liegt die Akzeptanz in den USA immer noch bei nur 3 Prozent[8] – anscheinend gibt es also Luft nach oben.
Amerikanische Hausbesitzer bevorzugen in der Regel auf dem Dach installierte Solaranlagen sowie Batteriespeicher – eine Kombination, die trotz Lieferkettenproblemen oft immer noch billiger ist, als Strom von den Versorgungsunternehmen zu beziehen. Viele Solarunternehmen in den USA bieten zudem attraktive Pakete, die die Installation einbeziehen, sodass Hausbesitzer häufig nicht in Vorleistung treten müssen. In vielen Bundesstaaten ist Solarenergie durch die jüngsten Stromausfälle noch attraktiver geworden. So haben Extremwetterereignisse im vergangenen Winter in Texas zu Ausfällen geführt, und in diesem Sommer wurden die Einwohner in Kalifornien aufgrund der Rekordhitze aufgefordert, weniger Energie zu verbrauchen. In Staaten wie Hawaii, die von Energieimporten abhängig sind, stellt die Solarenergie eine heimische, kostengünstige Alternative dar.
Der US-Solarmarkt hat vor Kurzem durch den Inflation Reduction Act von Präsident Joe Biden weiteren Auftrieb erhalten. Dieses Gesetz sieht zehnjährige Steueranreize für Solarenergie vor und gibt der Branche die dringend benötigte langfristige Perspektive. Experten gehen davon aus, dass der Sektor dadurch in den nächsten fünf Jahren um das Dreifache wachsen könnte.[9]
Europa setzt auf Photovoltaik
Die Nachfrage nach Solarenergie in Europa ist stark, was vor allem den ehrgeizigen europäischen Klimaschutzzielen zu verdanken ist. Im Jahr 2021 verzeichnete die Europäische Union (EU) einen Zuwachs von 34 Prozent an neuen Photovoltaikkapazitäten gegenüber dem Vorjahr.[10] Die Bemühungen Europas, sich für die Stromerzeugung von russischer Energie unabhängig zu machen, dürften zu einer größeren Nachfrage nach Solaranlagen durch Privathaushalte führen. Laut Prognosen beträgt die jährliche Wachstumsrate im laufenden Jahrzehnt 7,6 Prozent.[11]
Auch in Europa dürfte die Politik das Wachstum in diesem Bereich fördern. Von den europäischen Privathaushalten sind derzeit die britischen am stärksten am Solarenergiemarkt präsent. Die Hausbesitzer profitieren davon, dass sie ihren überschüssigen Strom ins Netz einspeisen können. Anfang 2022 hat die Regierung außerdem die Steuern für den Verkauf von Produkten zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien gesenkt, um das Wachstum weiter zu fördern. In Deutschland wurden 2016 staatliche Subventionen für Solarmodule mit Batteriespeicher eingeführt, und zudem gibt es Einspeisetarife für überschüssige Energie. Frankreich bietet Hausbesitzern zinsgünstige Darlehen für die Installation von Solaranlagen.
In der EU wird die Politik der einzelnen Staaten auch von der Europäischen Kommission unterstützt, die Solarenergie zur wichtigsten Stromquelle ausbauen möchte – wobei mehr als die Hälfte auf den Dächern von Häusern erzeugt werden soll. Neue Vorschläge, als Teil der Strategie REPowerEU der Europäischen Kommission, zielen darauf, die Installation von Sonnenkollektoren für alle neuen Gebäude bis 2029 zur Pflicht zu machen. Bis 2025 sollen Photovoltaikanlagen mehr als 320 Gigawatt Energie erzeugen (das ist mehr als doppelt so viel wie 2020) und bis 2030 fast 600 Gigawatt.[12]
Eine ganze Palette von Anlagechancen
Im Gegensatz zum traditionellen Energiesektor, der von nationalen und globalen Marktführern dominiert wird, kennzeichnet den Solarenergiemarkt eine Vielzahl unterschiedlicher Anbieter. Dies macht ihn zu einem hart umkämpften Markt: Es geht darum, technisch die Nase vorn zu haben, die Versorgung sowie häufige politische und regulatorische Änderungen zu meistern.
Investoren sollten aber nicht nur auf die Anbieter von Solaranlagen schauen. Attraktive Chancen bieten sich auch bei Bauteilen zur Herstellung von Solaranlagen, wie etwa bei Wechselrichtern und Batterien. Die Software verändert sich zudem in diesem Bereich rasch, da Maschinelles Lernen immer mehr Raum gewinnt. So gibt es heute virtuelle Mikro-Kraftwerksnetze, bidirektionale Ladestationen (beim Laden von Elektrofahrzeugen kann überschüssiger Strom wieder ins Netz eingespeist werden) und neue Algorithmen, um Energie zu optimalen Zeiten und Preisen ins Netz einzuspeisen.
In den USA erhöht zudem der Inflation Reduction Act die Attraktivität heimischer Produkte. Denn Unternehmen erhalten Anreize für die Produktion und die Beschaffung von Roh- und Grundstoffen im Inland. Diese Trends dürften ebenfalls dazu beitragen, Engpässe in der Lieferkette mit der Zeit abzubauen.
Wer gewinnt auf lange Sicht?
Es ist unbestreitbar, dass die Energiewende eine Vielzahl von Anlagechancen mit sich bringt – insbesondere auch im Solarsektor. Die große Zahl von Unternehmen in diesem Bereich und das Tempo der Veränderung machen es für Investoren jedoch äußerst schwierig, diejenigen zu identifizieren, die in den nächsten zehn bis 20 Jahren wachsen und erfolgreich sein werden.
Die Environmental Strategies Group bei BNP Paribas Asset Management widmet sich nicht nur der Aufgabe, die neuesten ökologischen Strategien auf dem Markt zu finden, sondern auch jene Unternehmen herauszusuchen, die wirklich etwas bewirken. Indem wir als Experten eine ganzheitliche Perspektive einnehmen und sowohl historische Entwicklungen als auch künftige Trends einbeziehen, zielen wir darauf, diejenigen Unternehmen zu finden, die das Potenzial für langfristigen Erfolg haben.
Referenzen
[1] https://www.iea.org/reports/solar-pv
[2] https://www.powermag.com/a-global-look-at-residential-solar-adoption-rates/
[4] https://www.carbonbrief.org/solar-is-now-cheapest-electricity-in-history-confirms-iea/
[6] https://www.powermag.com/a-global-look-at-residential-solar-adoption-rates/
[7] https://www.seia.org/research-resources/solar-market-insight-report-2022-q3
[8] https://www.powermag.com/a-global-look-at-residential-solar-adoption-rates/
[10] https://www.solarpowereurope.org/insights/market-outlooks/market-outlook
[12] https://earth.org/eu-set-to-make-solar-panels-mandatory-on-all-new-buildings/
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