Europas strategische Autonomie: Eine langfristige Chance

Aber das ist erst der Anfang. Auf dem NATO-Gipfeltreffen in Den Haag im Juni 2025 sagten die Mitgliedsländer bis 2035 jährliche Verteidigungsinvestitionen in Höhe von 3,5% des BIP zu, ergänzt um weitere 1,5% für andere verteidigungs- und sicherheits­relevante Bereiche.2

Die Märkte reagierten zunächst verhalten. Manche Länder zögern bei den Ausgaben stärker als andere, zumal ihre Staatsfinanzen ohnehin nicht besonders solide scheinen. Dennoch ist die Richtung klar: Viele Programme sollen den Ländern helfen, die Ziele zu erreichen, vor allem ReArm Europe Plan/Readiness 2030, eine 800 Milliarden Euro schwere EU-Initiative.3 Die Verteidigungsausgaben werden noch jahrelang steigen. Daraus könnten neue Anlagechancen entstehen.

Das Anlageuniversum

Bis 2030 dürfte der für europäische Investoren relevante Markt um 29% p.a. wachsen, schreibt die European Defence Agency.4 Sie geht davon aus, dass 2030 3% des BIP für Verteidigung ausgegeben werden (gegenüber der NATO-Schätzung von 3,5% und dem alten Ziel von 2%). Dabei wird das Ziel, 65% der Bauteile von europäischen Unter­nehmen zu beziehen, von Jahr zu Jahr stärker berücksichtigt.5 Auch wird ein etwas höherer Anteil von Ausrüstung und ein etwas geringerer Personalkostenanteil angenommen.

Seit 2022 sind die Kurse von Verteidigungswerten stark gestiegen. Sie sind zwar noch immer niedriger bewertet als ihre US-Wettbewerber, aber das Wachstum liegt deutlich über dem anderer europäischer Sektoren.

Abbildung 1: Bewertungen ausgewählter Aktienindizes

Auf Basis der Erwartungen für die nächsten 12 Monate. PEG-Ratio: Kurs-Gewinn-Wachstumsverhältnis, KGV: Kurs-Gewinn-Verhältnis, Kurs-Umsatz: Kurs-Umsatz-Verhältnis. Stand 21. Oktober 2025, Quelle: FactSet.

Gemessen am Wachstum ist dieser Sektor noch immer günstiger bewertet als der Markt.

Kurzfristig werden Anleger aber mit Volatilität zu rechnen haben, auch weil unklar ist, ob es zu einem Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine kommt. Die jüngsten Finanzergebnisse und die Auftragsbestände haben Anleger aber beruhigt. So berichtet TKMS, ein auf Marinetechnik spezialisierter neuer Spin-off von Thyssenkrupp, über volle Auftragsbücher bis 2040.6

Zugleich wird der europäische Verteidigungssektor neu organisiert, wie mehrere Entwicklungen zeigen: der Spin-off von TKMS, die Übernahme von Naval Vessels Lürssen durch Rheinmetall und das Satellitenprojekt Bromo, das die Raumfahrtsparten von Airbus, Thales und Leonardo zusammenführt. All das kann neue Anlagemöglichkeiten schaffen.

Industrie, IT, Versorger und Grundstoffe: Der lange Weg zur echten Souveränität

Industrie, Informationstechnologie, Versorger und Grundstoffe – diese vier Sektoren sind entscheidend, um unabhängiger vom Ausland zu werden, vor allem bei Chips, Energie und strategisch wichtigen Rohstoffen für Energiewende und digitale Transformation. Viele Maßnahmen und Pläne sollen dazu beitragen:

  • REPowerEU soll die EU bis 2030 von russischer Energie unabhängig machen.7 Dazu sollen 300 Milliarden Euro bereitgestellt werden, vor allem durch die Aufbau- und Resilienzfazilität (ARF).8
  • Bis 2030 sollen etwa 100 Milliarden Euro für die Dekarbonisierung energie­intensiver Branchen aufgewendet werden.9
  • Die Reform der deutschen Schuldenbremse, der Bundestag und Bundesrat im März 2025 zustimmten, ermöglicht ein 500 Milliarden Euro schweres Sonder­vermögen. Das Geld soll über mehrere Jahre verteilt für Infrastrukturausgaben (Transport, Energie und digitale Netze) und die Energiewende verwendet werden, 83 Milliarden Euro davon im Jahr 2026.10
  • Das Gesetz über kritische Rohstoffe (CRMA) der EU formuliert Benchmarks für den EU-Anteil an Rohstoffförderung (10%), Rohstoffverarbeitung (40%) und Rohstoffrecycling (25%) bis 2030. Zwar gibt es hierfür kein spezielles Budget, doch sollen Bürokratie abgebaut und Genehmigungsverfahren verkürzt werden.11 Diese Initiative wird immer wichtiger, da China den Export Seltener Erden einschränkt.
  • Außerdem soll der europäische Chips Act bis 2030 über öffentliche und private Kapitalzusagen über 43 Milliarden Euro mobilisieren.12

Ein noch viel langfristigeres Projekt ist der Mehrjährige Finanzrahmen (MFR), den die Europäische Kommission im Juli 2025 vorgelegt hat. Er betrifft die Jahre 2028 bis 2034. Vorgesehen sind 2 Billionen Euro, um die EU strategisch unabhängiger und krisenfester zu machen. Das entspricht 1,26% des EU-BIP verteilt auf sieben Jahre und ist doppelt so viel wie die 1 Billion Euro aus dem Budget für 2021 bis 2027.13 Teil des Rahmens ist ein europäischer Wettbewerbsfonds mit 409 Milliarden Euro Volumen, der strategische Technologien in den Bereichen saubere Energie, digitale Transformation, Biotechnologie und Verteidigung fördern soll.

Außerdem werden 175 Milliarden Euro für Horizont Europa bereit­gestellt. Das Flaggschiff-Forschungsprogramm der EU soll Investitionen auf allen Stufen fördern. Diese zusätzlichen Ausgaben dürften neue Anlagemöglichkeiten in den entsprechenden Branchen schaffen – und vielleicht auch darüber hinaus.

Ein langfristiger Investmenttrend

Europa könnte 2030 wirklich strategisch unabhängiger werden, durch beachtliche Verteidigungsausgaben in Höhe von 3,5% des BIP, ergänzt um indirekte Ausgaben von 1,5%, wie es die NATO-Länder zugesagt haben. Selbst wenn diese Ziele nicht ganz erreicht werden, dürfte sich an der grundlegenden Entwicklung nichts ändern. Die wichtigste Rolle spielt dabei die Verteidigung. Aber auch Industrie und Technologie werden weiter stark wachsen. Ein krisenfestes Europa erfordert große Anstrengungen. Die europäischen Unternehmensgewinne dürften steigen, und Anleger können sich auf langfristige Chancen freuen.

[1] Verteidigungsausgaben der NATO-Staaten 250827-def-exp-2025-en.pdf

[2] NATO – Topic: Defence expenditures and NATO’s 5% commitment

[3] EU defence funding | Epthinktank | European Parliament

[4] European Defence Agency Report, Defence Data 2024 – 2025.

[5] SAFE | Security Action for Europe – European Commission

[6] Major order of € 800 million for submarine modernization – TKMS Group Website

[7] RE PowerEU

[8] Recovery and Resilience Facility – European Commission

[9] Clean Industrial Deal – European Commission

[10] Federal Ministry of Finance – Fiscal foundations for the coming years: German government adopts 2025 federal budget, benchmark figures to 2029 and implementation of the €500bn investment package

[11] Critical Raw Materials Act – Internal Market, Industry, Entrepreneurship and SMEs

[12] European Chips Act – European Commission

[13] EU budget 2028-2034

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