Entgegen den Erwartungen erweist sich die Inflation in den USA als hartnäckig und das Wirtschaftswachstum als weiterhin stark. Daher ist eine Senkung der US-Zinsen im März jetzt sehr unwahrscheinlich, und selbst für Mai hat die Wahrscheinlichkeit in den letzten Wochen abgenommen. Andererseits wurden infolge von Gewerbeimmobilienproblemen auf beiden Seiten des Atlantiks die Befürchtungen der Marktteilnehmer gegenüber regionalen Banken wiederbelebt: Das spricht für eine frühere Zinssenkung.
Anhaltende Inflation
Im Januar hat sich die jährliche Gesamt- und Kerninflation der Verbraucherpreise in den USA weniger stark abgeschwächt als erwartet, und die monatliche Kerninflationsrate ist gestiegen. Aufgrund der daraus resultierenden Nervosität an den Märkten in Zusammenhang mit eventuell einer geringeren Zahl von Zinssenkungen büßten die Indizes Dow Jones und NASDAQ am 13. Februar 1,5 % oder mehr ein. Die europäischen Aktien waren um 1 % rückläufig.
Aus anderen Daten für Januar waren solides Wachstum und starke Preisdynamik zu entnehmen: Dazu gehörten der Dienstleistungsindex des US Institute for Supply Management (ISM), der so schnell stieg wie seit vier Monaten nicht mehr, die Daten zur Anzahl der Beschäftigten (ohne Landwirtschaft), die saisonbereinigt 353 000 neue Stellen auswiesen, und eine unerwartete Beschleunigung des durchschnittlichen Lohnwachstums auf 4,5 % im Jahresvergleich. Der Arbeitskostenindex stieg 2023 um kräftige 4,2 % gegenüber dem Vorjahr.
Mit diesen Zahlen ist die Vorstellung, die Fed könnte die Zinsen bereits im März senken, Makulatur; der Terminmarkt für Fed Funds hat seine Zinssenkungserwartung mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 % auf Juni 2024 verschoben.
Die US-Wirtschaft scheint zu widerstandsfähig zu sein, als dass die Fed in nächster Zeit mit Zinssenkungen beginnen könnte. Dennoch dürfte der seit der Pandemie in den USA erfolgte Produktivitätsanstieg bis zu einem gewissen Grade die Befürchtungen zerstreuen, die Inflation könne wieder ansteigen und eine neue Runde der straffen Geldpolitik einleiten (siehe Diagramm 1).

Es sind jedoch noch andere Faktoren am Werk. Die Konflikte im Nahen Osten und am Roten Meer erhöhen das Inflationsrisiko aufgrund von Energie- und Lieferkettenunterbrechungen. Dem Institute of Supply Management zufolge haben Unternehmen geäußert, die Angriffe auf Schiffe im Roten Meer und die Überlastung des Suezkanals verzögerten Lieferungen und erhöhten den Preisdruck. Der ISM-Preisindex stieg auf 64 und erreichte damit den höchsten Stand seit Februar 2023.
Die asiatischen Volkswirtschaften (ohne China) übertrafen diejenigen der Industrieländer, wobei Indien die stärksten PMI-Werte verzeichnete.

Eine Lockerung der Geldpolitik? Noch nicht
Die Kombination aus robuster Nachfrage, angespannten Arbeitsmärkten und Inflationsrisiken spricht dafür, dass die Fed und andere Zentralbanken vor einer geldpolitischen Lockerung erst einmal abwarten dürften. Letzte Woche beließ die Reserve Bank of Australia ihren Leitzins unverändert und erklärte, eine weitere Straffung der Geldpolitik sei nicht auszuschließen.
Auch die OECD warnte die Zentralbanker, es sei aufgrund des weiterhin kräftigen Wirtschaftswachstums noch zu früh, die Inflation für besiegt zu erklären. Ihrer jüngsten Prognose zufolge dürfte das weltweite Wirtschaftswachstum in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr leicht zurückgehen, von 3,1 % auf 2,9 %. Dabei gibt es jedoch regionale Unterschiede: Die Prognose für das US-Wachstum wurde um 0,6 % nach oben korrigiert und die Wachstumsaussichten für die Eurozone wurden um 0,3 % gesenkt.
Druck durch Gewerbeimmobilien
Die Gewerbeimmobilien (Commercial Real Estate oder CRE) in den USA führen erneut zu Befürchtungen hinsichtlich einer regionalen Bankenkrise. Sollte es dazu kommen, könnte dies den Beginn der Zinssenkungen beschleunigen. Kreditgeber und Investoren in Japan, Deutschland und Kanada haben über beträchtliche Kreditverluste oder Wertberichtigungen im Zusammenhang mit CRE-Problemen in den USA berichtet.
US-Finanzministerin Yellen, der Fed-Vorsitzende Powell und Vertreter der Zentralbanken auf beiden Seiten des Atlantiks haben ihre Besorgnis hinsichtlich der von Gewerbeimmobilien ausgehenden Risiken für die Finanzstabilität zum Ausdruck gebracht. Der allgemeine offizielle Tenor ist jedoch, das Problem sei beherrschbar.
Wer senkt die Zinsen zuerst?
Dass im Jahr 2024 Zinssenkungen erfolgen, ist derzeit Konsens. Zwei Jahre strafferer Geldpolitik haben das Wachstum gedämpft, und die CRE-Probleme verstärken den Druck, die Zinsen zu senken. Die zwischen Banken und Gewerbeimmobilien bestehenden Verbindungen könnten die Banken in ihrer Fähigkeit beeinträchtigen, Kredite an Haushalte und Unternehmen zu vergeben. Dies könnte die Kreditvergabe erschweren und sich am Ende negativ auf das BIP-Wachstum auswirken.
Dennoch sind die Finanzmärkte ruhig geblieben. Sollte es zu weiteren Problemen kommen, erwarten die Anleger Hilfe von den Zentralbanken. Diese Zuversicht ist erkennbar an der Stabilität des US-Banken-Leitindexes und der Rendite 10-jähriger Bundesanleihen – trotz der schlechten Nachrichten von regionalen Banken in den USA und Deutschland.
Bleibt nur noch die eine Frage: Wer senkt die Zinsen zuerst?
Aufgrund der im Vergleich zu den USA schwächeren Wirtschaftsleistung und niedrigeren Inflation in der Eurozone wäre es naheliegend, dass die EZB die Zinsen als erste senkt. Allerdings dürfte die Europäische Zentralbank ungern vor der Fed aktiv werden.
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