China: Investieren oder nicht Investieren? Ein makroökonomischer Blick

Die globalen Anleger waren während des größten Teils des Jahres 2023 negativ gegenüber China eingestellt, da sich die Schuldensituation verschlechterte und sich die Sorgen um den Immobilienmarkt verschärften. Pekings Reaktion war also für viele enttäuschend, vor allem, wenn es um die Erholung nach der Corona-Pandemie ging. Wie gut die Aussichten für chinesische Vermögenswerte im Jahr 2024 sind, hängt davon ab, wie effektiv die politischen Initiativen das schwache BIP-Wachstum ankurbeln können. Der Strukturwandel des Landes scheint allerdings auf Kurs zu sein und dürfte für Anleger langfristig relevant sein.

Konjunkturschwäche

Allgemein besteht der Konsens, dass die Wachstumsaussichten Chinas sich seit dem dritten Quartal 2023, nach einer Reihe enttäuschender Wirtschaftsdaten und Nachrichten über finanzielle Probleme, deutlich getrübt haben. Die wahrscheinlichste Prognose sagt ein BIP-Wachstum zwischen 4,5 und 5,0 Prozent voraus, sowohl in 2023 als auch in 2024. Die Aktienpreise fielen daraufhin, trotz scheinbar günstiger Bewertungen.

Einige Marktbeobachter argumentieren, dass Chinas enorme Schuldenlast die Möglichkeiten Pekings, die Probleme zu bewältigen, eingeschränkt hat – deshalb würden sich die schlechten Daten so stark auf die Finanzmärkte auswirken. Daten zufolge trifft das jedoch nicht zu, denn Chinas Schuldenlast scheint überschaubar zu sein und die wirtschaftspolitischen Optionen Pekings nicht einzuschränken. Das schwache Wachstum seit der Pandemie ist darauf zurückzuführen, dass China sein früheres schuldengetriebenes Wachstumsmodell der Angebotsausweitung aufgegeben hat, wie die gleichen Daten nahelegen. Nun weigert sich Peking, auf eine massive Reflation zurückzugreifen und toleriert dabei langsamere Wachstumsraten.

Wenn das der Fall ist, werden Konjunkturmaßnahmen die wirtschaftlichen Probleme Chinas lösen. Und wenn die Behörden ihre jüngste Lockerung der Geldpolitik weiterhin fortsetzen, dürfte sich auch die Marktstimmung wieder verbessern. Damit besteht eine realistische Chance für einen nachhaltigen Aufschwung bei chinesischen Aktien im Jahr 2024.

Struktureller Wandel

Es wird gemeinhin angenommen, dass das Sparniveau in China zu hoch ist. Damit der Konsum die Investitionen als Haupttriebfeder eines langfristigen Wachstums ablösen kann, müsse Peking den Verbrauchern mehr Geld zur Verfügung stellen. Das Sprichwort „weniger Investieren, mehr Konsumieren“ macht hier allerdings nur wenig Sinn, da viele unterentwickelte Teile des Landes noch Investitionen benötigen, um Einkommen zu schaffen und so den Konsum anzukurbeln.

Mehr Konsum ist nicht das Allheilmittel, für das ihn viele halten. Braucht China etwa mehr Fernseher und Möbel, obwohl sie zu wenige Wohnungen und Häuser haben, um sie unterzubringen? Sollen die Menschen mehr Autos besitzen, aber unter schlechteren Straßen und unzureichenden Tankstellen, Zügen und anderen Verkehrsmitteln leiden? Die Chinesen konnten nur so viel sparen, weil sie ein Einkommen aus den durch Investitionen geschaffenen Arbeitsplätzen haben. Die Grundregeln der Wirtschaftswissenschaften besagen, dass die Ersparnisse unter dem Strich gleich den Investitionen sein sollten – und weiter, dass hohe Ersparnisse zu hohen Investitionen führen sollten. Das Mantra „weniger investieren, mehr konsumieren“ macht daher keinen Sinn für ein Land, in dem noch viele Regionen entwickelt werden müssen.

Da die Finanzintermediation die Verwendung von Ersparnissen für die Kreditvergabe für Investitionen beinhaltet, kann eine hohe Verschuldung akzeptabel sein, solange sie durch Vermögenswerte gedeckt ist. Wir glauben, dass dies bei Chinas schuldenfinanziertem Wachstumsmodell der Fall ist.

Neue Entwicklungen

Peking hat sowohl diesen Investitions-Konsum-Zyklus als auch die Fehler bei vorangegangenen Reformen verstanden und bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 2020 eine taktische Änderung der Strukturreformen im Rahmen der breit angelegten Strategie des „doppelten Kreislaufs“ vorgenommen. Heute bevorzugt dieser Ansatz die Entwicklung von „Hardtech“, also die Produktion von Hardware und Komponenten sowohl für strategische als auch für Hightech-Industrien – gegenüber „Softtech“ wie der Entwicklung von E-Commerce für die nicht-strategische Verbrauchernachfrage – und nutzt dazu den Privatsektor als Innovationsmotor.

Peking erwartet, dass so wieder mehr Industrie in die inneren Provinzen verlagert wird. Dieser Prozess ist bereits im Gange, wie die Daten belegen. Im Landesinneren konnten billigere Ressourcen erschlossen werden, was das BIP-Wachstum ankurbeln und die Produktivität langfristig steigern dürfte.

Investieren oder nicht investieren?

Die wirtschaftliche Erholung Chinas nach dem Ende der Covid-Pandemie war fragil, aber die Probleme sind hauptsächlich konjunktureller Natur. Eine starke Erhöhung der Staatsausgaben, unterstützt durch eine Lockerung der Geldpolitik, könnte dieses Problem lösen. So würde das Wachstum angeregt und Vermögenspreise dürften sich im kommenden Jahr ebenfalls wieder erholen. Das Risiko ist dabei eine verfrühte Straffung der Politik, was jedoch nicht wahrscheinlich erscheint – dies würde Chinas Märkten noch weiter schaden.

Gleichzeitig sorgt der Strukturwandel für ein erneutes Investitionswachstum sowohl in der hochwertigen verarbeitenden Industrie als auch in der High-Tech-Branche. Peking hat viele wichtige Aufgaben zu bewältigen: Bildungs- und Gesundheitswesens müssen verbessert sowie die Arbeitsmarktstruktur reformiert werden, damit Arbeitsplätze und Qualifikationen zusammenpassen. Die Altersversorgung, weniger Umweltverschmutzung sowie die Begrenzung der Auswirkungen des Klimawandels und vor allem auch die gleichzeitige Senkung der Schuldenquote sind ebenfalls wichtige Ziele. All diese Aufgaben stehen auch auf Chinas politischer Agenda, weshalb sie als langfristige Investitionsthemen relevant sind.

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