Die internationalen Märkte schwankten stark, da Sorgen um eine Verknappung des Angebots und die Beeinträchtigung des Handels nach der russischen Invasion in der Ukraine die Anleger nach sicheren Häfen suchen und riskanten Anlagen den Rücken kehren ließen. Guy Davies, Chief Investment Officer für fundamentale, aktive Aktien, warnt jedoch vor impulsiven Reaktionen und plädiert dafür, sich bei der Auswahl vielversprechender Aktien auf die Cash Flows zu konzentrieren.
In diesem Talking Heads-Podcast beantwortet G. Davies drei Fragen unseres Chief Market Strategist Daniel Morris zur Reaktion auf geopolitische Turbulenzen, die Aussichten auf Stagflation und Gelegenheiten, die sich ergeben dürften, wenn wir etwas klarer sehen.
Wie reagieren Sie als langfristiger Aktienanleger auf geopolitische Ereignisse? Welche Maßnahmen haben Sie bisher in Ihren Portfolios ergriffen?
Ich möchte besonders darauf bestehen, wie wichtig es ist, reflexartige Reaktionen zu vermeiden. Die Anlegerstimmung wird von makroökonomischen Entwicklungen und Sorgen beherrscht, was zu Volatilität an den Märkten führt. Für Anleger können sich daraus interessante Einstiegsgelegenheiten zum Aufbau oder zur Umschichtung von Positionen ergeben; ich bin jedoch davon überzeugt, dass man der Versuchung widerstehen sollte, frenetisch zu handeln.
Die Engagements sind eindeutig vielgestaltig. So kann man beispielsweise das geografische Engagement danach beurteilen, an welcher Börse ein Unternehmen notiert ist, wo es seinen Sitz hat und wie sich sein Umsatz zusammensetzt. Als nächstes müssen die Anleger die entsprechenden Auswirkungen beurteilen:
- Welche Folgen haben die steigenden Energiepreise für die Inflation?
- Welche Auswirkungen haben diese Ereignisse auf Wirtschaftswachstum, Geldpolitik und den Verlauf der Renditekurve von Anleihen?
- Welche Zinssätze erwarten wir am Ende der geldpolitischen Straffung?
- Wie sehen wir die Zinssensitivität von Sektoren und Branchen?
Aus Portfoliomanagementperspektive würde ich sagen, dass bei Notlagen am Markt die Priorität darin besteht, permanenten Kapitalverlust zu vermeiden. Viele unserer Strategien verfügen über Benchmarks, weshalb wir auch die Positionierung gegenüber der Benchmark aufmerksam im Auge behalten.
Aus praktischer Sicht konzentrieren wir uns auf Liquidität. Das könnte Folgendes bedeuten:
- Reduzierung des Engagements in Aktien von Unternehmen mit geringerer Marktkapitalisierung, um unsere Positionen in Aktien mit höherem Überzeugungsgrad aufzustocken.
- Die Ausgewogenheit des Portfolios verbessern
- Ausbalancieren einer defensiven Positionierung und Wachstumsaktien mit hohem Überzeugungsgrad, deren Rating herabgestuft wurde
- Positionen bei Schwäche aufbauen oder aufstocken.
Es könnte zu einem von Stagflation gekennzeichneten Umfeld kommen. Wie würden sie Ihre Aktienportfolios aufbauen, um dem Rechnung zu tragen?
Das Wachstum wird zugegebenermaßen immer verhaltener, und die Inflation ist hoch. Wir konnten bisher keine wesentlichen Korrekturen der Unternehmensgewinne beobachten, selbst wenn die Schwellenmärkte und in geringerem Umfang auch Europa am stärksten unter der Belastung zu leiden haben, die von der aktuellen Situation ausgeht. Die höheren Rohstoff- und Energiepreise dürften sich aber auf die Gewinne allgemein auswirken.
Die Anleger konzentrieren sich derzeit stärker auf Cash Flows und Preissetzungsmacht als auf Wachstum. Unter diesen Umständen ist die Ausgewogenheit des Portfolios wichtig: Wir dürfen erwarten, dass sich defensivere Substanzwertsektoren – Gesundheitswesen, Versorger, Konsumgüter – gut entwickeln. Wachstumswerte mit etablierten ‚wirtschaftlichen Wallgräben‘, z. B. im Technologiesektor, könnten sich ebenfalls gut entwickeln. Wir konnten hier Repricing und Ratingherabstufungen in beträchtlichem Umfang beobachten.
Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass wir als Stock Picker in der Lage sind, Unternehmen von guter Qualität zu finden, die über das Potenzial verfügen, mit identifizierten Katalysatoren großartige Aktien zu werden. Ich denke an den Umweltsektor, einige Wachstumswerte mit langer Duration, die oft stärker herabgestuft wurden als der Gesamtmarkt. Neben dem allgemeinen thematischen Interesse verfügen diese Sektoren über spezifische Katalysatoren.
Welche korrigierten Erwartungen haben Sie bis Jahresende an bestimmte Länder/Regionen/Sektoren? Wo dürften sich Ihrer Meinung nach Einstiegspunkte ergeben, wenn die Volatilität nachlässt?
Die Positionierung der meisten unserer Strategien spiegelt unsere langfristige Bottom-up-Bewertung wieder, die Überlegungen zur Zins- und Inflationssensitivität und zum Länderrisiko enthält.
Im Folgenden – mit viel Abstand – ein Ausblick zu unserer Positionierung:
- In Bezug auf den Stil bleiben wir wachstumsorientiert; unser Engagement in Substanzwerten gibt defensiven Werten den Vorzug vor zyklischen.
- Finanzwerte haben wir neutral bis leicht übergewichtet – bei Banken sind wir neutral, während wir den Versicherungssektor übergewichten (mit Ausnahme von China, wo wir die Finanzwerte untergewichten).
- Bei Strategien, die alle Marktkapitalisierungen umfassen, gewichten wir Large Caps im Vergleich zur Benchmark unter.
Bei den Sektoren sehe ich Einstiegsgelegenheiten bei Umwelt und erneuerbaren Energien. Das spiegelt eine unvermeidbare Verschiebung bei den Themen und größere Dringlichkeit bei der Energieunabhängigkeit wider.
Darüber hinaus gibt es bei ausgewählten Werten der Sektoren Informationstechnologie und zyklische Konsumgüter Gelegenheiten, die der Kombination aus tiefen „wirtschaftlichen Wallgräben“, den Aussichten auf Wachstum (in einer Welt, in der Wachstum immer seltener wird) und besseren Bewertungen zu verdanken sind.
Bei den Ländern liegt der Fokus auf China. Die Wirtschaft des Landes ist im Konjunkturzyklus eindeutig weit voraus und bleibt ein bedeutender Wachstumsmotor, und am Markt findet man interessante Bewertungen.
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