Nach ihrer fulminanten Rally im November, beflügelt von Zinssenkungserwartungen des Marktes für Anfang 2024, hätten Staatsanleihen eigentlich eine Verschnaufpause einlegen können. Was sie aber nicht taten. Stattdessen trugen Anfang Dezember die Kommentare aus Zentralbanken-Kreisen zu einem weiteren Rückgang der Renditen entlang der gesamten Kurve bei.
Die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank (EZB) werden ihre nächsten geldpolitischen Entscheidungen am 13. bzw. 14. Dezember treffen. Diese Woche, kurz vor Beginn der „Schweigephase“ für ihre Ausschuss- bzw. Ratsmitglieder im Vorfeld dieser Meetings, gerieten die Äußerungen zweier hochrangiger Vertreter in den Fokus der Anleger.
Wurde die Rede von Jerome Powell überinterpretiert?
Am 1. Dezember bestätigte ein zurückhaltender Fed-Vorsitzender, dass der Offenmarktausschuss (FOMC) der US-Notenbank bei Bedarf die Zinsen weiter erhöhen werde. Seine Diagnose über die Verfassung der US-Wirtschaft bestärkte indes Anleger in der Vermutung, dass die Leitzinsen 2024 schon bald sinken könnten.
Nach Ansicht von Jerome Powell befindet sich der „Leitzins deutlich im restriktiven Bereich, was bedeutet, dass eine straffe Geldpolitik einen Abwärtsdruck auf die Wirtschaftstätigkeit und die Inflation ausübt“. Die volle Wirkung der Zinserhöhungen sei jedoch möglicherweise noch nicht vollständig zu spüren, da die Geldpolitik typischerweise mit einer Verzögerung auf die Realwirtschaft wirke.
Dass der Markt Powells Aussagen als „dovish“ interpretierte, könnte am enttäuschenden Einkaufsmanagerindex der US-Industrie gelegen haben, der wenige Stunden vorher veröffentlicht worden war. Die wichtigsten Punkte seiner Rede hatten einige Tage zuvor jedoch schon andere FOMC-Mitglieder angesprochen.

Wird Isabel Schnabel zur Taube?
Das Reuters-Interview mit EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel am 5. Dezember sorgte für Aufsehen. Schnabel, die eher als Falke angesehen wird, schien ihre Einschätzung zur Inflation und den künftigen geldpolitischen Entscheidungen drastisch geändert zu haben. Nur einen Monat zuvor hatte sie in einer Rede (The last mile) noch behauptet, dass die „letzte Meile“ im Kampf gegen die Inflation sich als die schwierigste erweisen dürfte, und deshalb vor verfrühter Euphorie gewarnt.
Am 5. Dezember räumte sie nun ein, die Inflation in der Eurozone hätte sich im November „sehr erfreulich“ entwickelt; es sei aber noch zu früh, einen Sieg zu verkünden.
Noch wichtiger war vielleicht ihre Antwort auf die Frage, ob sie „eine Zinssenkung vor Mitte 2024 nicht ausschließt“. Schnabel sagte dazu lediglich, dass die EZB weiterhin „datenabhängig“ bleibe und dass die Entwicklungen in den kommenden Monaten entscheidend wären. Die Renditen europäischer Staatsanleihen gaben daraufhin deutlich nach.

Wird es eine „Colomba“ (Ostertaube) zu Weihnachten geben?
Wie unsere italienischen Leserinnen und Leser (und Gourmets auf der ganzen Welt) wissen, ist die Colomba ein opulentes Ostergebäck in Italien, während an Weihnachten der Panettone (Kuchen mit bunten Trockenfrüchten) serviert wird.
Bisher haben im Dezember die Zentralbanken in Australien und Kanada ihre Sitzungen abgehalten und dabei ihre Leitzinsen unverändert gelassen. Während die Zinsprognose der Bank of Canada leicht taubenhaft war, hielt die Reserve Bank of Australia an ihrem restriktiven Ton fest, da ihrer Meinung nach die australische Inflation langsamer zurückgehen könnte als erwartet.
Mit Spannung erwarten Marktbeobachter die Sitzungen von Fed und EZB in der kommenden Woche – nicht so sehr wegen der Leitzinsen (die fast sicher unverändert bleiben dürften), sondern vielmehr wegen dem, was zur weiteren Entwicklung des Wachstums und vor allem der Inflation gesagt werden könnte.
Bei einer kürzlichen Anhörung vor dem Europäischen Parlament erregte EZB-Präsidentin Christine Lagarde Aufsehen mit der Äußerung, dass ein vorzeitiges Ende des Pandemie-Notfallkaufprogramms (PEPP) „bald im EZB-Rat diskutiert und geprüft wird“.
Die Kommunikation der Zentralbanken dürfte bei den Anlegern weiter für Überraschungen sorgen. Dies kann eine bewusste Taktik sein oder einfach nur mit einem wichtigen Punkt zusammenhängen, den die OECD in ihrem jüngsten Bericht hervorgehoben hat: „Der Zusammenhang zwischen Inflation, Konjunktur und Arbeitsmärkten hat sich verändert, sodass sich die vollen Auswirkungen der geldpolitischen Straffung nur schwer beurteilen lassen.“
Diese Wahrnehmung der analytischen Herausforderungen, vor denen Zentralbanken, Regierungen und Investoren stehen, könnte erklären, warum sich die Konjunkturnarrative in diesem Jahr immer wieder geändert haben – und dies auch 2024 weiter tun dürften.
Wird das Szenario einer sanften Landung 2024 weiter Bestand haben?
Das Idealszenario einer „sanften Landung“ (leichte Wachstumsverlangsamung, aber keine Rezession) ist mit dem heranrückenden Jahresende wieder in den Vordergrund gerückt. Für 2024 könnte dieses rosige Szenario jedoch zu optimistisch sein. Der Ton des jüngsten OECD-Berichts ist dagegen vorsichtig und trifft es damit wohl besser: „Die Inflation lässt nach, aber auch das Wachstum schwächt sich ab.“
Da die Preisanstiege an Tempo verlieren, haben die Zentralbanken ihre Inflationsrhetorik sukzessive zurückgenommen. Sie erkennen auch, dass ihre restriktive Geldpolitik erste Spuren in der Realwirtschaft hinterlassen hat und dass diese Auswirkungen wohl anhalten werden. Dieser markante Wechsel in der Tonart hat die Anleger in ihrer Erwartung bestärkt, dass angesichts des so gut wie beendeten Straffungszyklus eine geldpolitische Kehrtwende bevorstehen könnte. Seit Anfang November geht es daher mit den Aktien- und Anleihebewertungen rasant nach oben.
Dies könnte dazu verleiten anzunehmen, dass sich jetzt alles zum Guten wendet und sich die günstigen Bedingungen 2024 im Zuge regelmäßiger Leitzinssenkungen fortsetzen werden.
Für Staatsanleihen ist dieses Szenario durchaus denkbar, wobei der Renditeverfall in den letzten Wochen und die daraus resultierende extreme Positionierung der Anleger zu kurzfristiger Volatilität führen könnten.
Was Aktien betrifft, scheinen uns die Gewinnaussichten der Unternehmen die Wahrscheinlichkeit eines Konjunkturrückgangs noch immer nicht ausreichend widerzuspiegeln. Wir bestätigen daher unsere vorsichtige Haltung. Allerdings berücksichtigen wir auch die Chancen, die sich in einigen Sektoren oder Märkten kurzfristig ergeben könnten.
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