Sowohl die Konjunkturdaten als auch die Märkte weisen weiterhin in entgegengesetzte Richtungen: Die Aktienmärkte scheinen einen Aufschwung einzupreisen und die Anleihemärkte eine Rezession.
Da viele Wirtschaftsräume von der Wiedereröffnungsdynamik nach den Lockdowns nun angesichts der Leitzinserhöhungen der Zentralbanken zu Trend- oder unterdurchschnittlichen Wachstumsraten übergehen, werden die Daten aus unserer Sicht gezwungenermaßen in unterschiedliche Richtungen weisen.
In Asien verfehlten die chinesischen BIP-Zahlen im Vorjahresvergleich die Markterwartungen. Nach der Aufhebung der strengen landesweiten Null-Covid-Politik hatten Investoren zwar auf eine deutliche Wachstumserholung wie in den USA und Europa gehofft, doch diese blieb aus.
Der Grund dafür ist aus unserer Sicht, dass es im deutlichen Gegensatz zu den USA und Europa an finanzpolitischer Unterstützung der Privathaushalte mangelt. Dies hatte zur Folge, dass viele Chinesen ihre Ersparnisse aufbrauchen mussten, um während der Lockdowns über die Runden zu kommen. Jetzt, obwohl die Beschränkungen aufgehoben wurden, haben sie für Anschaffungen kein Geld mehr auf der hohen Kante.
Durch die Probleme des chinesischen Immobilienmarkts hat sich die Stimmung der Privathaushalte weiter eingetrübt. Darüber hinaus dämpften sie die Investitionstätigkeit. Keiner dieser Faktoren trug zur Performance der chinesischen Aktienmärkte bei: Sie lagen diese Woche im Minus, während die anderen großen Aktienmärkte zumeist Gewinne verzeichneten. China ist außerdem einer der wenigen Aktienmärkte mit negativen Renditen seit Jahresbeginn.
Auch neuere Zahlen enthalten kaum Anzeichen für eine Entspannung. Wir glauben, dass Peking zunehmend unter Druck kommen wird, neue Konjunkturmaßnahmen aufzulegen, um das Wachstum zu fördern. Alle Augen sind nun auf die Sitzung des Politbüros in ein paar Wochen gerichtet. Ohne weitere Lockerungen ist es unwahrscheinlich, dass China sein BIP-Wachstumsziel in diesem Jahr erreicht.
US-Verbraucher weiterhin konsumfreudig
Im Gegensatz zu der enttäuschenden Entwicklung in China stiegen die Kernumsätze im US-Einzelhandel im Juni um 0,6% gegenüber dem Vormonat, also etwas mehr als erwartet. Zudem wurden die Zahlen für Mai geringfügig nach oben korrigiert. Diese Zahlen machen unseres Erachtens deutlich, dass die US-Verbraucher trotz des deutlichen Zinsanstiegs im letzten Jahr und der weiterhin hohen Inflation immer noch konsumfreudig sind.
Zu dieser soliden Verfassung tragen aus unserer Sicht zwei Faktoren bei: Zum einen die immer noch hohe Sparquote. Die Konjunkturpakete im Umfang von knapp 2 Billionen USD, die die Biden-Regierung 2022 auflegte, stützen nach wie vor das Wachstum (andererseits haben sie die US-Notenbank aber auch gezwungen, die Zinsen stärker als eigentlich notwendig zu erhöhen).
Der zweite Schlüsselfaktor ist der robuste Arbeitsmarkt. Die Zahl der offenen Stellen ist im letzten Monat gestiegen und angesichts der niedrigen Arbeitslosenquote und des deutlichen Lohnanstiegs sind die Verbraucher überzeugt, dass Ausgaben nichts im Wege steht, weil das Risiko, arbeitslos zu werden, gering ist.
Gleichzeitig entwickelte sich die US-Industrieproduktion schwächer als erwartet, wobei es sich dabei aber nur um die Fortsetzung des Trends handelt, dass die Probleme des verarbeitenden Gewerbes ein solider, von der Verbrauchernachfrage gestützter Dienstleistungssektor gegenübersteht.
Starke Gewinnerwartungen
Während die Märkte die jüngsten Daten noch verarbeiten, haben in den USA erste Unternehmen ihre Gewinne im zweiten Quartal vorgelegt. Es ist zwar noch früh, denn bisher haben nur 68 S&P-500-Unternehmen ihre Zahlen berichtet, aber die ersten Zahlen stimmen optimistisch.
Die Markterwartungen sind niedrig angesetzt. Den Prognosen zufolge sollten die Gewinne um 6% gegenüber dem Vergleichsquartal des Vorjahres fallen bzw. unverändert bleiben, wenn man den Energiesektor ausklammert.
Bisher übertrafen die Ergebnisse die Erwartungen um 5% (s. Diagramm 1) und der zyklisch wichtige, zinssensible Bankensektor entwickelt sich gut.
Ob dieser Trend anhält, wird entscheidend für die künftigen Aktienrenditen sein. Während die inverse US-Renditekurve auf eine bevorstehende Rezession hindeutet, laufen die Konsenserwartungen für die nächsten Quartale auf einen Anstieg um 6%-14% (ohne Energie) hinaus.
Für den Technologiesektor, den wichtigsten Faktor für die Zugewinne der US-Aktienmärkte in diesem Jahr, sind die Erwartungen besonders groß. Falls Investoren beginnen, diese Prognosen als unrealistisch zu betrachten, könnten die Märkte einen Rückschlag erleiden.
Weiter fallende Treasury-Renditen?
Nachdem in der Vorwoche die Zahlen zur US-Verbraucherpreisinflation besser als erwartet ausgefallen waren, sorgten uneinheitliche Konjunkturdaten dafür, dass die Renditen 10-jähriger US-Treasuries nach einem Höchststand bei 4,1% am 7. Juli auf rund 3,75% zurückgingen. Wir erwarten, dass die Treasury-Renditen weiter fallen werden, da das US-Wachstum kontinuierlich nachlässt und die Rezessionsrisiken steigen (s.a. unseren Quarterly Fixed Income Outlook).
Die Senkungen der Fed Funds Rate, die der Markt für das erste Quartal 2024 eingepreist hat, könnten in zwei recht unterschiedlichen Szenarien Wirklichkeit werden.
Wenn es zu einer Rezession kommt, könnte die Fed Zinssenkungen einleiten, um zu einer Erholung beizutragen.
Sollte sich die Inflation jedoch weiter verlangsamen und das Wachstum gleichzeitig an Fahrt gewinnen, könnte die Fed zu dem Schluss gelangen, dass sie ihr Ziel einer sanften Landung erreicht hat.
In beiden Fällen ist es wahrscheinlich, dass die Zinsen fallen, wobei aber klar ist, dass die Folgen für Aktien ganz unterschiedlich wären.
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