Wöchentliches Markt-Update – Überdrehen Fed und EZB die Zinsschraube?

Derzeit halten die Finanzmärkte Ausschau nach Anzeichen für eine Abschwächung der häufiger veröffentlichten US-Arbeitsmarktdaten. Die Frühindikatoren der Konjunktur deuteten auf eine bevorstehende Schwäche, sowohl in den USA, als auch in Europa hin. Aber vielleicht hat sich die Wirtschaft seit der Pandemie wirklich verändert? Der hartnäckig anhaltende Inflationsdruck veranlasst die Zentralbanken jedoch zu einer weiteren Straffung der Geldpolitik. Dadurch steigt die Gefahr, dass sie zu weit gehen und die Zinsschraube, bis zur Rezession, überdrehen.

Die US-Industrie verzeichnete im Juni den 8. Monat in Folge einen Rückgang

Aus den am 3. Juli veröffentlichten Daten ging ein Rückgang des US ISM Manufacturing Index, des wichtigsten Index für das amerikanische Geschäftsklima, für das verarbeitende Gewerbe im Juni um 46 Punkte hervor. Dies ist sein niedrigster Stand seit drei Jahren, womit die Konsenserwartungen eines Anstiegs gegenüber dem Stand von 46,9 Punkten im Mai enttäuscht wurden.

Die Erläuterung dazu zeigte, dass die Unternehmen „aufgrund der Unsicherheit, wann das Wachstum wieder deutlich steigen wird, damit begannen, mehr Mitarbeiter als in den Vormonaten zu entlassen, um ihre Mitarbeiterzahlen in den Griff zu bekommen.“

Die aktuelle Phase mit Indexwerten unter 50 Punkten, die auf eine rückläufige Wirtschaftstätigkeit hindeuten, ist die längste seit 2008-2009. 

Fed dürfte weiter an der Zinsschraube drehen

Die Märkte reagierten kaum auf die Ergebnisse der Juni-Sitzung der amerikanischen Notenbank.

Das Protokoll der Sitzung des Offenmarktausschusses (FOMC) deutet darauf hin, dass die Fed beabsichtigt, die Geldpolitik noch langsamer zu straffen – das heißt um etwas weniger als 25 Bp. pro Sitzung.

Als Zeichen dafür, dass der endgültige Zinssatz bald erreicht ist, schien das Protokoll die jüngste Stärke sowohl bei der Wirtschaftsaktivität als auch am Arbeitsmarkt herunterzuspielen und dagegen die Unsicherheit rund um die zeitlich verzögerte Wirkung der Geldpolitik und den Kreditimpuls zu betonen. Ebenfalls wurde die Bedeutung der Kreditbedingungen hervorgehoben.

Unser makroökonomisches Forschungsteam rechnet damit, dass die Fed die Zinsen bei ihrer Sitzung am 25.-26. Juli um 0,25 Bp. anheben wird und dann noch einmal im dritten Quartal, was auf einen endgültigen Satz für die Fed Funds Rate von 5,75% hinauslaufen wird.

Es besteht jedoch die Gefahr, dass die wirtschaftliche Stärke die Befürworter einer aggressiven Geldpolitik in ihrem Wunsch, die Zinsen weiter zu erhöhen, bestärken könnte. Wir sind der Meinung, dass eine deutliche Abschwächung der US-Konjunktur die geldpolitischen Entscheidungsträger letztendlich von weiteren Zinsschritten abhalten wird.

Dem Protokoll zufolge hielten „fast alle“ Teilnehmer der FOMC-Sitzung im Juni weitere Zinserhöhungen für angemessen und gaben als Grund Risiken wie den angespannten Arbeitsmarkt an.

Nach der Erhöhung der Zinssätze bei 10 Sitzungen in Folge entschied sich die Fed im Juni für eine Zinspause und beließ die Fed Funds Rate innerhalb eines Zielbereichs von 5% bis 5,25%. Dies war die erste Pause in ihrem jahrelangen Kampf zur Eindämmung des Inflationsdrucks.

Konzentration auf die US-Arbeitslosenzahlen

Trotz der Straffung der Geldpolitik durch die Fed blieb der Arbeitsmarkt letztes Jahr erstaunlich stark. Investoren beobachten die Daten genau und halten nach Anzeichen für eine Abschwächung des Marktes Ausschau.

Die aktuellen wöchentlichen Daten zu den Erstanträgen auf Arbeitslosenunterstützung in den USA (Anzahl der Personen, die in der letzten Woche einen Erstantrag auf Arbeitslosenunterstützung gestellt haben) beliefen sich auf 248.000 Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung in der letzten Woche (d. h. bis 06.07.2023). Nach Korrekturen lag der Durchschnitt im Juni bei 254.000 und damit etwas höher als zu Beginn des Jahres (220.000 im ersten Quartal 2023).

Natürlich ist es durchaus möglich, dass sich die Bedingungen am Arbeitsmarkt allmählich verschlechtern. Dies wird aber nicht so schnell geschehen wie die rezessiven Rahmenbedingungen. Fed-Vorsitzender Powell formulierte es bei seiner Pressekonferenz im Mai so: „Es ist möglich, dass dieses Mal wirklich anders ist. Und der Grund dafür ist, dass es am Arbeitsmarkt einfach einen so hohen Nachfrageüberschuss gibt.“ 

Weitere Daten zum US-Arbeitsmarkt kommen am 6. Juli mit der Veröffentlichung des JOLTS-Berichts (Job Openings and Labor Turnover Survey (JOLTS)). Diese Daten werden genau auf Anzeichen eines deutlichen Rückgangs der Zahl der offenen Stellen untersucht, der wiederum einen Rückgang des Verhältnisses der freien Stellen zu der Anzahl der Arbeitslosen (eine vom Fed-Vorsitzenden Powell bevorzugte Messgröße), das derzeit bei 1,8 liegt, zur Folge hätte. Aus den vom Hiring Lab veröffentlichten Daten geht hervor, dass die Anzahl der offenen Stellen in den USA von Mai bis Juni zurückgegangen ist.

Am 7. Juli wird schließlich die Zahl der neu geschaffenen Stellen außerhalb der Landwirtschaft für Juni veröffentlicht. Die Konsensschätzungen haben die Anzahl der während eines Zeitraums von 13 aufeinanderfolgenden Monaten neu geschaffenen Stellen um durchschnittlich 109.000 unterschätzt. Bei einer derart hohen Unterschätzung der Schaffung von Arbeitsplätzen stellt sich die Frage, ob der Konsens die in der Wirtschaft nach der Pandemie herrschenden Bedingungen und insbesondere die Resilienz des Arbeitsmarktes falsch einschätzt.

Die Konsensprognosen von Bloomberg gehen von einem Anstieg der US-Beschäftigtenzahlen im Juni um 225.000 (nach 339.000 im Vormonat) sowie von einem Rückgang der Arbeitslosenquote auf 3,6% aus. Mindestens genauso wichtig ist, dass die Schätzungen von einem Anstieg der durchschnittlichen Stundenlöhne um 0,3% gegenüber dem Vormonat und um 4,2% gegenüber dem Vorjahr ausgehen. Die letzteren Zahlen wären im Einklang mit den Daten für Mai.

Die Gesamtzahl der neu geschaffenen Stellen kann von saisonalen Schwankungen der Einstellungen in den Bundesstaaten und Gemeinden gestützt werden. Wie es europaweit der Fall ist, könnte ein Lehrermangel – die Beschäftigungszahlen im Bildungssektor bleiben deutlich unter den Niveaus vor der COVID-19-Krise – dazu führen, dass die saisonale Schwankung der Entlassungen von Lehrern/Bildungsfachkräften geringer als üblich ausfällt. Sofern sich die saisonalen Faktoren nicht deutlich ändern, könnte eine solche Dynamik diesen Sommer die Gesamtzahl der neu geschaffenen Stellen stützen.

Weitere Anzeichen für eine schleppende Erholung in China

Die Aktivität im Dienstleistungssektor nahm im Juni weniger zu als erwartet. Daran werden die Herausforderungen deutlich, mit denen die Wirtschaft zu kämpfen hat. Grund dafür ist, dass die Erholung nach der Pandemie bisher enttäuschend verläuft.

Der Caixin-PMI für das Dienstleistungsgewerbe lag am 5. Juli bei 53,9 (gegenüber 57,1 im Mai) und blieb hinter den Konsenserwartungen zurück. Werte über 50 deuten auf eine Ausweitung der Wirtschaftstätigkeit hin.

Der Dienstleistungssektor erholte sich schneller als der Fertigungssektor. Der Index für das verarbeitende Gewerbe lag im Juni bei 50,5 nach 50,9 im Mai.

In der Eurozone zeichnet sich eine Verlangsamung ab

Am 5. Juli zeigte die Veröffentlichung des umfassenden Einkaufsmanagerindex für die Eurozone, dass der Index von 52,8 im Mai auf 49,9 im Juni gefallen war. Damit lag er seit Dezember erstmals unter der 50er-Marke und knapp unter der vorläufigen Schätzung von 50,3.

Diese weitere Datenveröffentlichung, deutet darauf hin, dass wir es nicht nur mit einem weiteren Rückgang der Produktion im verarbeitenden Gewerbe, sondern auch mit einem breit basierten Marktrückgang in der in der Eurozone dominierenden Dienstleistungsbranche zu tun haben.

Herstellerpreise in der Eurozone – erstmals im negativen Bereich seit 2020

Die am 5. Juli veröffentlichten Daten zeigten, dass die Herstellerpreise erstmals seit zweieinhalb Jahren in den negativen Bereich fielen.

Dies ist ein weiteres Zeichen dafür, dass der Anstieg der Preise in der Eurozone mittlerweile nachlässt. Das statistische Amt der EU, Eurostat, gab an, dass die Preise ab Werk in der Region seit Jahresbeginn bis Mai um 1,5% gefallen sind, was dem ersten definitiven Rückgang seit Dezember 2020 entspricht. Der Wert ist seit Sommer 2022 deutlich gesunken, als der jährliche Preisanstieg im August einen Höhepunkt von 43,3 % erreichte, nachdem die Energiekosten im Zuge der russischen Invasion in der Ukraine in die Höhe geschossen waren. Der Rückgang wird Hoffnungen wecken, dass sich eine Reihe von Zinserhöhungen durch die Europäische Zentralbank endlich auszuzahlen beginnt.

Die diese Woche veröffentlichten Daten deuten darauf hin, dass sich die Wirtschaftstätigkeit in Deutschland von den Tiefständen im März/April erholt hat, da die Einzelhandelsumsätze (+0,04% gegenüber dem Vormonat) und die Auftragseingänge der Industrie (+6,4% gegenüber dem Vormonat) im Mai wieder gestiegen sind. Die Daten zur Automobilherstellung im Juni deuteten auf eine weitere Verbesserung im zweiten Quartal hin.

Diese Daten stimmen allerdings nicht mit den Umfragedaten überein (S&P Global Europe Sector PMI, ifo-Umfrage), die auf einen anhaltenden Rückgang im Fertigungssektor hindeuten.

Unser makroökonomisches Forschungsteam rechnet mit einer Verbesserung des Konsums durch die niedrigere Inflation, sowie einer Verbesserung der Produktionstätigkeit aufgrund niedrigerer Energiepreise, trotz des Gegenwinds durch eine straffere Geld- und Fiskalpolitik. Insgesamt geht das Team jedoch davon aus, dass die deutsche Wirtschaft für den Rest des Jahres stagnieren wird.

Auf Kurs bleiben

In diesem Umfeld hält unser Multi-Asset-Portfoliomanagementteam die Aktienbewertungen in den USA und Europa für ausgereizt und die Gewinnprognosen für optimistisch. Der Rahmen für den Aktienmarkt lässt auf Gefahren schließen. Hier stechen Bereiche hervor, in denen das Unternehmen vorsichtig positioniert ist (Europa und die USA), wobei einige Schwellenmarktregionen besonders attraktiv sind.

Deutliche Anstiege bei Anleihen durch höhere Zinssätze am Ende der Straffungen dürften in Bereichen, wo das Team einen Wachstumsrückgang für wahrscheinlicher hält, gute Risiko/Rendite-Gelegenheiten bieten. Ihrer Meinung nach preisen Rohstoffe nach wie vor viele schlechte Nachrichten ein.

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