Mit Beginn des Sommers waren die aktuellen Konjunkturkennzahlen für Investoren nicht wirklich hilfreich, um festzustellen, ob die Weltwirtschaft in guter Verfassung ist. Die führenden Zentralbanken dürften ihre Geldpolitik weiter straffen. Mehrere Zentralbanken haben den Leitzins kürzlich überraschenderweise mehr als erwartet erhöht, was zu einer zunehmenden Nervosität der Anleger über einen anhaltenden Inflationsdruck führte.
Live aus Sintra
Im Juni gaben mehrere Zentralbanken unerwartete – bzw. höher als erwartete – Zinserhöhungen bekannt: Australien (+25 Bp.) und Kanada (+25 Bp.) zu Monatsbeginn; das Vereinigte Königreich (+50 Bp.), Norwegen (+50 Bp.) und die Schweiz (+25 Bp.) letzte Woche. Sie betonten einstimmig die Notwendigkeit, mittelfristig die Preisstabilität zu gewährleisten, da zurzeit wenig auf ein Nachlassen des Inflationsdrucks hindeutet.
Mitte Juni legte die US-Notenbank (Fed) nach zehn Zinserhöhungen in Folge eine Zinspause ein, während die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins um 25 Bp. anhob – beide Entscheidungen entsprachen den Markterwartungen. Sowohl der Fed-Vorsitzende Jerome Powell als auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde machten deutlich, dass der Straffungszyklus noch nicht vorbei ist.
Unter den Industrieländern scheint nur die Bank of Japan auf Zinsstraffungen verzichten zu wollen. Während viele Beobachter gedacht hatten, die BoJ würde ihre Politik zur Steuerung der Zinskurve bei ihrer Juli-Sitzung anpassen, wiesen zwei Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses darauf hin, dass dies in nächster Zeit nicht hilfreich sei. Dies kam überraschend, da die japanische Inflation (ohne die Preise für frische Lebensmittel und Energie) im Mai um 4,3% im Jahresvergleich gestiegen war und damit ihren höchsten Stand seit Juni 1981 erreichte.
Dank eines (vielleicht geschickt eingefädelten) Zufalls nahmen Andrew Bailey, der Chef der Bank of England, Christine Lagarde, Jerome Powell und Kazuo Ueda, der Gouverneur der BoJ, am 28. Juni beim jährlichen Geldpolitik-Forum der EZB in Sintra zusammen an einer Podiumsdiskussion teil. Das Thema? Makroökonomische Stabilisierung in einem volatilen inflationären Umfeld.
Aufstieg der Falken
Ihre Kommentare bei der Veranstaltung bestätigten die jüngsten Meinungsäußerungen.
- Jerome Powell: „Ich rechne nicht damit, dass die Kerninflation in den USA dieses oder nächstes Jahr wieder 2% erreichen wird, sondern erst 2025.“
- Christine Lagarde: „Wir sehen nicht genug konkrete Beweise dafür, dass sich die zugrundeliegende Inflation, insbesondere die Inlandspreise, stabilisiert und abschwächt.“
- Andrew Bailey: „Aufgrund der Daten zur Lage am Arbeitsmarkt als auch zur Inflation, die eindeutig länger anzuhalten scheint, kamen wir zu dem Schluss, dass wir ziemlich kräftig an der Zinsschraube drehen müssen.
- Kazuo Ueda: „Die Zentralbank würde einen guten Grund sehen, ihren geldpolitischen Kurs zu ändern, falls sie „einigermaßen sicher“ wäre, dass sich die Inflation 2024 nach einer Phase der Mäßigung beschleunigen würde. Aber von dem zweiten Teil dieses Szenarios sind wir weniger überzeugt.“
Es ist nicht zu leugnen – es herrscht Inflation
Zunächst bezeichneten die Zentralbanken den Anstieg der Inflation als „vorübergehend“. Dann merkten sie, dass sie sich drastisch beschleunigt. Also erhöhten sie ihre Zinsen aggressiv und warteten auf frühe Anzeichen für eine Verlangsamung der Inflation.
Jetzt wollen die Zentralbanken (außer die Bank of Japan) einen starken Beweis für eine solche Verlangsamung sehen und sicher sein, dass sie sich in nächster Zeit nicht beschleunigen wird.
Wir haben ihre Botschaft verstanden. Und auch wenn wir überzeugt bleiben, dass die überraschende Resilienz der US-Wirtschaft gegen Jahresende schließlich einem langsameren Wachstum weichen wird und dass die Eurozone noch mehrere Quartale lang ein moderates Wachstum verzeichnen wird, rechnen wir in absehbarer Zeit nicht mit Zinssenkungen.
Zunächst ist der Straffungszyklus noch nicht vollständig vorbei – obwohl das Ende naht. Darüber hinaus wird die anhaltende Kerninflation die Zentralbanken wahrscheinlich veranlassen, ihre restriktive Geldpolitik fortzusetzen (d. h. die Zinsen über dem neutralen Zinssatz zu belassen), auch wenn das Wirtschaftswachstum nachlassen sollte.
Die Zeiten einer „präventiven“ Geldpolitik sind längst vorbei: Das Argument der (normalerweise auf sechs Monate geschätzten) Verzögerung zwischen dem Zinsschritt und den Auswirkungen auf die Wirtschaft wird normalerweise nicht für die Vornahme eine Lockerung herangezogen, solange sich die Zentralbanken nicht sicher sind, dass die Inflation zu ihrem Zielwert von 2% zurückgekehrt ist.
Daher werden eine Verlangsamung des Kreditwachstums im privaten Sektor in der Eurozone und die Rückzahlung von gezielten längerfristigen Refinanzierungsgeschäften (TLTRO) wahrscheinlich nicht zu einem Wechsel des geldpolitischen Kurses der EZB führen. Seit letzten November haben die Banken TLTROs im Wert von 1.489 Mrd. EUR zurückgenommen (davon 506,3 Mrd. EUR am 28. Juni). Dies könnte die Banken schließlich dazu veranlassen, ihre Kreditbedingungen zu verschärfen, auch wenn immer noch reichlich überschüssige Liquidität vorhanden ist.
Sollten wir die Wirtschaftstätigkeit weiterhin im Auge behalten?
Natürlich, aber wir sollten dabei daran denken, dass die Zentralbanken in den kommenden Quartalen die Veränderungen der Preise von Lebensmitteln und Dienstleistungen sehr genau überwachen werden („haarklein analysieren“, um Christine Lagarde zu zitieren). Die aktuellen Neuigkeiten aus den Ländern der Eurozone sind ermutigend: Im Juni lag die Inflation in Italien, Spanien und mehreren deutschen Bundesländern unter den Erwartungen. Aber Vorsicht: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und durch ein oder zwei Daten entsteht noch kein Trend.
Vor nur ein paar Monaten hätten die Investoren diese Daten in Verbindung mit der Verschlechterung der Geschäftsklimaumfragen der Eurozone wahrscheinlich als Grund angesehen, um ihre Erwartungen einer zusätzlichen Erhöhung der Leitzinsen nach unten zu korrigieren.
Die Vorabschätzungen der Einkaufsmanagerindizes (EMI) der Eurozone, die Ende Juni veröffentlicht wurden, zeigten einen starken Rückgang des zusammengesetzten Index von 52,8 auf 50,3 (seinen niedrigsten Stand seit Januar), wobei der Rückgang sowohl im verarbeitenden Gewerbe als auch im Dienstleistungsgewerbe verzeichnet wurde.
Der Rückgang des Dienstleistungsindexes fiel in Frankreich drastisch aus (von 52,5 auf 48, seinen tiefsten Stand seit 28 Monaten). Gleichzeitig erholte sich das Vertrauen der Haushalte in Frankreich, aber der Index bleibt deutlich unter seinem langfristigen Durchschnitt (sogar unter den während der Pandemie verzeichneten Niveaus) und das Geschäftsklima für das Industriegeschäft war etwas besser als im Mai.
Im historischen Vergleich entspricht das Niveau der EMI im zweiten Quartal einem Rückgang des BIP um 0,5%, obwohl das französische Nationale Institut für Statistik und Wirtschaftsstudien (INSEE) für das restliche Jahr ein moderates BIP-Wachstum prognostiziert – 0,1% im 2. und 3. Quartal, gefolgt von 0,2% im 4. Quartal. Die Banque de France erwartet im vierten Quartal einen Anstieg um 0,1%.
In Deutschland fiel der EMI auf 41, seinen niedrigsten Stand seit 37 Monaten, und der Dienstleistungsindex fiel von 57,2 auf 54,1, den tiefsten Stand seit drei Monaten. Der ifo Geschäftsklimaindex fiel ebenfalls, insbesondere die Komponente, die den Ausblick wiedergibt. Die Indizes machten die gesamte seit Jahresbeginn verzeichnete Verbesserung zunichte und die im Juni erreichten Niveaus entsprachen einer Rezession der deutschen Wirtschaft. Dennoch geht die Bundesbank von einem leichten Anstieg des BIP im zweiten Halbjahr aus.
Wenn das Wachstum so schleppend ist, ist es besser, der Inflation aus dem Weg zu gehen!
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