Die Renditen von US-Staatsanleihen sind erheblich gestiegen und spiegeln damit zweierlei wider: die anhaltende Widerstandskraft der US-amerikanischen Wirtschaft und die Aussicht auf mehr Anleihe-Emissionen zur Finanzierung der Defizite. In Europa bestätigen die jüngsten Daten die Schwäche der industriellen Grundlage in den Kern-Mitgliedstaaten.
USA: Anleiherenditen ziehen an
Ein Umschwung hat stattgefunden, nämlich von einer Überschätzung des Umfangs der wahrscheinlichen Zinssenkungen durch die US-Notenbank (Fed) zu einer möglichen Unterschätzung der diesbezüglichen Notwendigkeiten.
Das GDPNow-Modell der Fed von Atlanta zeigt für das 3. Quartal ein geschätztes BIP in Höhe von beeindruckenden 3,3 % (Jahresrate, saisonbereinigt).
Die anhaltende Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft in den USA in Verbindung mit dem Eindruck, dass sich nach den Wahlen im nächsten Monat keine fiskalpolitischen Falken auf den Weg nach Washington machen werden: Das sind die Faktoren, die zu einem Ausverkauf an den Märkten für US-Staatsanleihen beigetragen haben. Aktuell liegt die Rendite der 10-jährigen Benchmark-Anleihe bei 4,25 %.

Die Märkte gehen weiterhin davon aus, dass die Fed auf ihren verbleibenden geldpolitischen Sitzungen in diesem Jahr (am 7. November und 12. Dezember) ihre Zinsen um jeweils einen Viertelprozentpunkt senken wird. Allerdings preisen sie auch die entfernte Möglichkeit ein, dass die Fed bei einer dieser Sitzungen den Leitzins unverändert belässt.
Die Veröffentlichung der im Oktober in den USA neu geschaffenen Stellen am 1. November könnte mehr Aufschluss über den Weg geben, den die US-Geldpolitik künftig einschlagen wird. Nach Angaben von Bloomberg ist die Neuschaffung von 125.000 Stellen im Oktober Konsens unter den Ökonomen: ein abrupter Rückgang gegenüber der Zahl von 254.000 vom September, die weit über den Konsens-Schätzungen lag. Die Arbeitslosenquote dürfte den Erwartungen zufolge unverändert bei 4,1 % verharren.
Unser Fixed-Income-Team geht davon aus, dass diese Daten die kontinuierliche Beseitigung des Ungleichgewichts auf dem US-Arbeitsmarkt bestätigen werden. Die stark rückläufigen Arbeitsmarktzahlen, mit denen für Oktober gerechnet wird, spiegeln nicht unbedingt einen erheblichen Rückgang der Wirtschaftsaktivität wider, sondern eher die Auswirkungen der jüngsten großen Orkane und Streiks. Diese Zahlen werden genau unter die Lupe genommen werden, nicht zuletzt deshalb, weil ihre Veröffentlichung nur wenige Tage vor den US-Präsidentschaftswahlen erfolgt.
Die Umfragen lassen weiterhin ein extrem knappes Rennen vermuten, und die Wahl wird wohl erhebliche Veränderungen bei Handel, Regulierung und Finanzpolitik nach sich ziehen.
Eurozone: Wirtschaft immer noch in der Sackgasse
Einer Einkaufsmanager-Umfrage zufolge schrumpfte die Wirtschaftstätigkeit im Oktober erneut.
Die Gesamt-Einkaufsmanagerindizes (PMIs) der Eurozone blieben weitgehend unverändert: 49,7 im Oktober gegenüber 49,6 im September.
Allerdings sorgt der Stand von unter 50, also im Bereich der Schrumpfung, für Befürchtungen in Bezug auf die Arbeitsmarktaussichten in der Eurozone.
Entlassungen bei den Autobauern
Am 28. Oktober kam die Bestätigung: Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe sind in Gefahr. Vertretern des Betriebsrats zufolge plant Deutschlands größter Autobauer die Schließung von mindestens drei der zehn Werke der Unternehmensgruppe in Deutschland. Darüber, welche Produktionsstandorte betroffen sind und wie viele der knapp 300.000 Beschäftigten in Deutschland entlassen werden könnten, wurden keine Angaben gemacht. Eine derartige Umstrukturierung würde die erste Werksschließung im Inland in der 87jährigen Geschichte des Unternehmens bedeuten.
Die Automobilindustrie gilt als entscheidend für Europas Wohlstand. Von dieser Branche sind 13,8 Millionen Arbeitsplätze direkt oder indirekt abhängig, insgesamt sind das 6,1 % der Beschäftigten in der Europäischen Union (EU). Etwa 2,6 Millionen Menschen arbeiten direkt in der Automobilproduktion, das entspricht 8,5 % der im verarbeitenden Gewerbe Beschäftigten in der EU.
Die europäischen Autobauer warnen bereits seit einiger Zeit, aufgrund des intensiven Wettbewerbs mit China, der auf die Umsätze in anderen wichtigen Märkten drückt, seien radikale Maßnahmen nötig, und der kostenintensive Übergang zu Elektrofahrzeugen verlange nach Flankierung.
Die PMI-Daten zeigen zudem die besondere Schwäche des verarbeitenden Gewerbes in Frankreich in Form eines abrupten Rückgangs der Auftragseingänge im Exportgeschäft – wahrscheinlich in Zusammenhang mit dem Automobilsektor, wie aus den INSEE-Statistiken hervorgeht.
Am 25. Oktober stufte die Rating Agentur Moody‘s aufgrund wachsender Zweifel an der Fähigkeit der Regierung, das Haushaltsdefizit zu senken, Frankreichs Ausblick von „stabil“ auf „negativ“ herunter, beließ jedoch die Note der französischen Staatsanleihen bei Aa2.
EZB: Die Tauben geben den Ton an
Obwohl die Daten aus der übrigen Eurozone die anhaltende Widerstandsfähigkeit gegenüber der Belastung durch die führenden Volkswirtschaften zeigen, waren die Signale der geldpolitischen Entscheidungsträger der Europäischen Zentralbank „dovish“.
Eine Zinssenkung um 50 Bp bei der geldpolitischen Sitzung am 12. Dezember liegt nun eindeutig im Bereich des Möglichen. Dies wäre die zweite Leitzinssenkung in Folge (und die dritte in diesem Jahr), nachdem die EZB bereits in diesem Monat den Leitzins unter Hinweis auf die nachlassende Inflation und die wachsende Besorgnis mit Blick auf eine wirtschaftliche Erholung auf 3,25 % gesenkt hat.