Die starken Konjunkturdaten in den USA und Europa in der letzten Woche bestätigen bei Anlegern den Eindruck, dass die zyklische Erholung voranschreitet. Die hohe Liquidität stützt weiterhin die Bewertungen riskanter Anlagen.
COVID-19 – ein Aufwärtstrend
Die Zahl der täglichen Neuinfektionen nimmt zu. Daten der Johns Hopkins University zufolge erreichte die weltweite Anzahl neuer Fälle letzte Woche mit 5,2 Millionen neu infizierten Menschen einen Rekord. Besonders die Zahlen aus Kontinentaleuropa, Indien, Brasilien und in der jüngsten Zeit auch aus den USA sind für den neulichen Anstieg verantwortlich.
In Indien ist die Pandemie so schlimm wie nie zuvor – und die neuen Fälle nehmen zu. In Brasilien verschlechtert sich die Situation weiter: Die Gesundheitssysteme vor Ort brechen zusammen und die Todesfälle liegen nach wie vor über 3.000 täglich.
Trotz des jüngsten Wiederaufflackerns der Fälle in Deutschland blieb die Zahl der Todesopfer in Europa relativ gering; allerdings steigen die Krankenhausaufenthalte.
Trotz einiger Rückschläge konzentrieren sich die Märkte auf die Tatsache, dass in den Ländern – in denen der größte Teil der Bevölkerung geimpft wurde – nichts darauf hindeutet, dass die Impfung das Virus nicht letztendlich unter Kontrolle bringen wird.
Steigende Inflation lässt die Anleiherenditen fallen
Der harmonisierte Verbraucherpreisindex der Eurozone (Eng: Harmonised index of consuner prices, HVPI) für März entsprach allgemein den Marktprognosen, überstieg jedoch im Vorjahresvergleich zum ersten Mal seit Februar 2020 die 1 %-Marke. Das könnte zeigen, dass die weltweite Erholung der Inflation auch die Eurozone erreicht, wo man dieses Jahr mit einem weiteren Anstieg rechnet.
Die Inflationserwartungen würden hierdurch steigen und die Wahrscheinlichkeit einer auf längere Sicht nachhaltig höheren Inflation würde zunehmen. Allerdings bleiben in der Eurozone desinflationäre Kräfte etabliert, die einem Anstieg im Wege stehen könnten.

In den USA sind die Anleiherenditen trotz starker Inflationsdaten und Einzelhandelsumsätze im März in der letzten Woche um drei bis sieben Basispunkte zurückgegangen, was daran liegen könnte, dass der Reflation Trade bereits voll eingepreist ist.
Die starken Daten der US-Verbraucherpreisinflation (Eng: Consumer price inflation, CPI) haben wahrscheinlich auch zu einigen Gewinnanstiegen bei Nominalanleihen geführt. Inflationsgekoppelte US-Anleihen entwickelten sich gut, aber die Swap Spreads hatten zu leiden, da die Banken in ihren jüngsten Gewinnveröffentlichungen potenzielle Emissionskalender ankündigten.
Virtueller Klimagipfel der Staatschefs
US-Präsident Joe Biden dürfte vor dem Klimagipfel am 22.-23. April eine Anordnung über das finanzielle Risiko im Zusammenhang mit dem Klimawandel unterzeichnen.
Das Gipfeltreffen ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur UN-Klimakonferenz (COP26) im November dieses Jahres in Glasgow und soll die Chancen auf wichtige Entscheidungen über globale Klimamaßnahmen bei der COP26 erhöhen.
Es steht zu erwarten, dass die Anordnung richtungsweisende Informationen im Hinblick auf Folgendes geben wird:
- Risiken für das Finanzsystem aufgrund des Klimawandels
- Untersuchung des Potenzials klimabedingter Störungen des privaten Versicherungsschutzes und Risiken in Verbindung mit der weiteren Investition in Wertpapiere im Zusammenhang mit fossilen Brennstoffen
- Einschränkung der Möglichkeit für Pensionsfondsmanager, sich an Abstimmungen über Vorschläge von Aktionären bei Hauptversammlungen zu beteiligen
- Offenlegung der Treibhausgasemissionen durch Lieferanten des Staates
- Zukünftige Kaufentscheidungen des Staates unter Berücksichtigung der Klimakosten
- Die Berücksichtigung des durch das Klima entstehenden, finanziellen Risikos im Kreditgeschäft.
EZB-Sitzung in dieser Woche
Seit Beginn der Pandemie im letzten Jahr sind sich die geldpolitischen Entscheidungsträger bei der EZB über die entgegenkommende Geldpolitik einig. Bei der geldpolitischen Sitzung der EZB diese Woche könnte es zu Diskussionen um das Rückrudern des Anleihekaufprogramms kommen. Konkrete Maßnahmen sind allerdings frühestens bei der nächsten Sitzung im Juni zu erwarten.
Die verstärkten Anleihekäufe der EZB im Rahmen des Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) konnten dazu beitragen, die Kreditkosten für Regierungen, Unternehmen und Haushalte in der Eurozone gering zu halten.
Die EZB erweiterte das Anleihekaufprogramm im Jahr 2020 zwei Mal, und von dem in Rahmen des PEPP geplanten Gesamtbudget von 1,85 Billionen Euro ist noch fast die Hälfte verfügbar. Ursprünglich war geplant, die Nettokäufe mindestens bis März 2022 fortzusetzen und sie nach dem Ende der durch die Pandemie ausgelösten Krise einzustellen.
Einige Ratsmitglieder sind jedoch der Meinung, dass die EZB lieber zu früh als zu spät beginnen solle, ihre Anleihekäufe zurückzufahren. Derartige Diskussionen dürften vorerst vom Tisch sein, denn der EZB-Rat spricht von vorsichtigem Optimismus im Hinblick auf eine Stärkung der Volkswirtschaft der Eurozone in der zweiten Hälfte dieses Jahres.
Unterdessen bei der US Federal Reserve
Letzte Woche wurden Kommentare des Fed-Vorsitzenden Powell und eine detaillierte Rede des stellvertretenden Vorsitzenden Clarida veröffentlicht. Die Märkte nahmen vor allem zur Kenntnis, dass die Fed zum kurzfristigen geldpolitischen Ausblick nichts zu sagen hat und sich weiterhin stark auf das Erreichen ihres doppelten Ziels konzentriert, anstatt nur über dieses zu reden.
Das kann dahingehend ausgelegt werden, dass die Fed nicht bereit ist, den Beginn oder sogar die Schwellenwerte für das Zurückfahren ihrer Anleihekäufe bekanntzugeben. Die Tatsache, dass es keine diesbezüglichen Neuigkeiten gab, reichte für einen Rückgang des eingepreisten, erwarteten Leitzinsanstiegs: der für 2023 eingepreiste Wert sank im Einklang mit der allgemeinen Erholung der festverzinslichen Anlagen um rund 10 Basispunkte.
Im Vorfeld der Sitzung des Federal Open Market Committee am 27.-28. April hat sich die Fed jetzt selbst eine Nachrichtensperre auferlegt.
Ausblick
In den G10-Ländern werden diese Woche die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes (Eng: Purchasing manager indices, PMI) veröffentlicht. In der letzten Woche sorgte die Kombination starker Konjunkturdaten und einer Reaktion, die wohl eine Gewinnmitnahme bei Konsens-Short-Positionen in US-Treasuries war, für einen positiven Hintergrund für die Erholung der G10-Währungen mit hohem Beta.
Sollten die PMI mit weiteren positiven Überraschungen bei den Daten zur Konjunkturaktivität rechnen lassen, könnte sich die durch die Risikobereitschaft hervorgerufene Kursentwicklung der letzten Woche fortsetzen, was zu weiteren Gewinnen führen könnte. Die dieswöchige Auktion von US-Treasuries mit 20-jähriger Laufzeit wird darüber hinaus zeigen, wie groß die Nachfrage des Marktes nach Duration ist. Eine starke Auktion könnte für eine weitere Erholung der Renditen von US-Treasuries sorgen.
Der vorläufige Markit-PMI für das verarbeitende Gewerbe in den USA für April dürfte hoch geblieben sein – der Konsens strebt eine leichte Verbesserung an. Im April waren die Rahmenbedingungen wahrscheinlich ähnlich wie im März, als die Hersteller mit Lieferschwierigkeiten und einer Zunahme der Neuaufträge zu kämpfen hatten. Die ersten beiden Umfragen für April zum verarbeitenden Sektor in den USA zeigten trotz der bereits hohen Werte eine weitere Verbesserung.
Während weiter über die Bewertungen an den Aktienmärkten diskutiert wird, rechnen wir damit, dass die aktuell hohe Liquidität die Nachfrage in der Volkswirtschaft stützen, die Unternehmensgewinne fördern und somit den Bewertungen zuträglich sein wird. Die höhere Inflation dürfte darüber hinaus weiterhin die Preissetzungsmacht der Unternehmen und damit die Gewinne fördern. Das weitere Aufwärtspotenzial der Aktien hängt allerdings davon ab, ob man die Gewinnerwartungen noch stärker nach oben korrigieren wird.
Die Unterschiede zwischen der Aktienperformance in verschiedenen Sektoren und Märkten blieben groß, wobei US-Aktien und US-Technologiewerte jeweils Outperformer waren. Durch COVID-beeinträchtigte Sektoren verzeichneten weiterhin Underperformances. Wir rechnen mit einer guten Entwicklung der Substanzwerte, und die Bewertungen der europäischen Aktien, unter denen die Substanzwerte vorherrschen, könnten sich erholen, da die europäischen Unterstütz- und Impfprogramme im zweiten und dritten Quartal 2021 an Boden gewannen.